Wie wurde ich zu dem Übersetzer/Lektor/Coach, der ich bin?

Was zeichnet mich als Übersetzer, Lektor, Lehrer und Coach aus? Ich bin das Produkt einer Biografie, in der ich rückblickend zwischen Kraut und Rüben doch ein paar einigende Themen sehe! Möchten Sie auf eine Reise durch meine Vergangenheit mitkommen? Für mich war’s nie langweilig. Ob’s für Sie auch interessant wird?

Anfänge
Ich bin ein um mehrere Jahre jüngstes Kind, mit dem Nebeneffekt, dass ab meiner frühesten Kindheit alle Menschen um mich schon Bücher lasen. Das wollte ich auch, und ich glaube ich konnte auch recht früh lesen. Mein Grundschullehrer schrieb mir als 10-jährigem ins Zeugnis für Englisch: „Excellent – beautiful form and content in his writing – very talented“. Scheinbar hatte ich also da schon einen guten Sinn für den Rhythmus und Stil von Erzählungen. Notabene: ohne artikulieren zu können, wie ich das schaffe.

Ein Auftrag …
Die deutsche Sprache war von Anfang an in unserem Haushalt ein bisschen präsent. Mein Vater studierte in den 1950er-Jahren Chemie und arbeitete dann in der Forschungsabteilung einer Brauerei – und damals war in diesen beiden Bereichen die Fachliteratur zu einem wichtigen Teil noch deutschsprachig. Um dieselbe Zeit heiratete seine Schwester einen deutschsprachigen Schweizer. Und … ich habe immer noch ein etwas abgenutztes „Mein Allerschönstes Wörterbuch“ mit Illustrationen von Richard Scarry. Es ist von meinem Papa an mich gewidmet. Im Jahr 1970! Da war ich dreieinhalb Jahre alt. Dass meine Schwester einen Deutschen heiratete und ich nun fast mein halbes Leben in Österreich lebe – der Punkt wird im Herbst 2024 erreicht sein – dürfte ja nicht ganz reiner Zufall sein 🤪

Schule
In der Sekundarschule hatte ich im Leaving Certificate, dem irischen Gegenstück zur Matura, 4 Sprachen und 4 MINT-Fächer. In vielen Schulsystemen eine vermutlich nicht so häufige Kombination, und vielleicht mit ein Grund, warum ich Sprache und Naturwissenschaft als Interessen nicht in Opposition zueinander sehe. Ein brillanter Englischlehrer kommentierte: „His command of language and logic is formidable“.

Direkte Methode zum Ersten: Deutsch lernen
Es war Zufall, dass mich mein erster Postdoc-Job nach Deutschland brachte. Ganz andere Umstände als etwa ein Wunsch, Deutsch zu lernen, führten mich dorthin. Und mein Schuldeutsch war gefühlt lange her. Aber, einmal angekommen, stellte sich heraus, dass unser Arbeitsplatz –anders als manche Forschungsinstitute – im Alltag deutschsprachig war; und dort lernte ich recht schnell Deutsch sprechen, einfach so, in der Arbeit.
Im zweiten Jahr dachte ich, ich hätte meine mittlerweile gute Deutschkompetenz gerne dokumentiert, und wollte das Kleine Deutsche Sprachdiplom machen. Die Vorbereitung dazu bekam ich bei der Berlitz-Sprachschule. Nachdem ich im Multichoice-Einstufungstest 35 von 35 Fragen richtig beantwortet, und die Chefin sich nach der Auswertung erholt hatte, wurden mir die routiniertesten Deutschlehrerinnen zugeteilt. Und dann begann meine Erfahrung als Lernender mit einer Variante der sogenannten „Direkten Methode“. Es waren intensive Sitzungen, in denen meine Lehrerin nur Deutsch sprach und mir die Strukturen durch viele Beispiele zeigte, anstatt mir etwa Grammatikregeln explizit zu erklären. Für mich war dieses Spiel die reinste Freude. Deutsch lernen war von der Position eines Nebeneffekts meines zweijährigen Forschungsaufenthalts in die Mitte gerückt. Und ich bekam eine 1 im Sprachdiplom nach weniger als zwei Jahren in Deutschland.

Schreiben in der Forschung
Meine Dissertation war wissenschaftlich nicht die Welt, aber die Prüfer lobten mich für mein Schreiben. Später, im zweiten Postdoc-Job, waren ebenfalls mein Interesse und mein Talent fürs Schreiben evident; neben meinen Forschungsartikeln schrieb ich ein paar Reviewartikel für renommierte Zeitschriften und war informell etwas wie der in-house-Editor fürs Institut. Manchmal auch darüber hinaus.

Direkte Methode zum Zweiten: Englischtraining
Nachdem ich meine Forschungsstelle verlassen hatte, war ich übergangsweise wieder mit der Direkten Methode der Sprachdidaktik beschäftigt, wieder bei Berlitz, aber dieses Mal als Englischtrainer. Wieder diese intensive spielerische Interaktion mit einem einzigen Menschen oder einer Kleingruppe, mit der Aufgabe, die Lernenden so viel wie möglich zum Sprechen zu animieren. Wichtig ist hier aus didaktischer Sicht, dass wir hochkomplexes Wissen völlig implizit vermitteln; die Lernenden müssen die Muster der Zielsprache induktiv, statt deduktiv erfassen. Bis zu einem gewissen Grad ist das eine strukturierte Simulation der Art, wie Kinder Sprache erlernen; die Lernenden müssen sich ein bisschen kindlich auf das Spiel einlassen. Ich kann ehrlich sagen, dass keine andere Arbeit mir jemals mehr Freude gemacht hat. Ich musste lernen, meine eigene Sprachproduktion sehr gezielt und in vielfältiger Weise zu steuern. Unter anderem, weniger zu reden – und wenn man mich kennt, weiß man, dass das eine neue Erfahrung für mich war (und mir nur gelingt, wenn ich’s mir bewusst vornehme)! Aber etwas, was auch faszinierend war, war das Spektrum an Möglichkeiten, den Lernenden bei der Ausführung der Sprech-Aktivitäten stufenweise mehr oder weniger Unterstützung zu geben: vom Zuflüstern über mehrere Abstufungen von Gestik und Mimik; Hinzeigen auf Bilder oder Gegenstände, oder nicht; bis hin zum gar-nicht-mehr-Anschauen.
In Kombination mit der Tatsache, dass diese Arbeit mich in Industriebetriebe überall in der Steiermark führte, wurde hier (schon wieder) aus dem gedachten Übergang für mich die Hauptsache. Die Faszination für Sprache hatte mich gepackt.

Übersetzer
Mit dem beruflichen Übersetzen habe ich als Notlösung angefangen, in einer Zeit, wo ich phasenweise in Irland sein und ortsungebunden wenigstens etwas Geld verdienen musste. Aber es ging gut. Übersetzer:innen mit einem wirklichen Sachverstand für Naturwissenschaft oder Technik waren selten; besonders ein Kunde in einer fachlich naheliegenden Branche gab mir viel Arbeit und ich verdiente gut. Als Autodidakt beim Übersetzen war ich dank des Volumens bald auch qualitativ recht gut unterwegs.
Aber Geschäfte gehen nicht immer nur gut; der eine Kunde, auf den ich mich zu stark verlassen hatte, war auf einmal weg, und ich sah mich vor die Aufgabe gestellt, mein Geschäft breiter und mit einem professionelleren Auftritt aufzustellen.

Selbststudium
Wie es so ist, wenn Geschäfte mal besser, mal schlechter gehen, kann man sich fragen, ob man da das Richtige tut. Bei Übersetzungen und Lektoratsarbeiten kam auch nicht immer viel Feedback, oder es kam Feedback, das leicht verunsichern konnte. Ist dieser Marketingtext nicht zu kindisch einfach geworden? Musste ich im Forschungsartikel wirklich diesen Absatz so umkrempeln? Konnte ich erklären oder rechtfertigen, was ich tat? Mit meinem natürlichen Hang zur fachlichen Vertiefung als Lösung in fast allen Lebenslagen, begann ich, mich in Teile der relevanten Sprachwissenschaft einzulesen. Sie können hier sehen, was ich übers Übersetzen las und hier, was ich über Sprache insgesamt, die Kontraste zwischen Deutsch und Englisch, und Schreiben im Englischen im Besonderen lernte.
Zum Glück bestätigten diese Lesestoffe oft Dinge, die ich bis dahin schon mehr aus Instinkt getan hatte. Und so wurde meine Arbeit an Texten bewusster und genauer. Das schlichte Talent, das schon in der Grundschule auffiel, ist immer mehr zu einer Kunst mit Maß und Ziel geworden, bei der ich mir explizit überlege, was ich tue – und es auch zunehmend erklären könnte. Es wurde fast zu etwas wie einem Kunsthandwerk! Unser Witz zu Hause ist, dass wenn meine Arbeit irgendwas mit Italienisch zu tun hätte, draußen am Haus ein schmiedeeisernes Schild mit „Traduzioni Artigianali“ hängen würde. Ich machte alles, was über irgendwelche Empfehlungen zu mir kam. Was einerseits als Mangel an Positionierung ausgelegt werden könnte, aber andererseits mich sicher vielseitig machte.

Ein bisschen Leben auch
Ach ja: irgendwann in diesen Jahren kam meine einmalig wunderbare, witzige, alles Mögliche und Unmögliche aushaltende, sture, unersetzliche Frau dazu. Ihres Zeichens Managerin einer Sprachschule, Anglistin, Literaturwissenschafterin, Sprachausbildnerin, Lehrerin, Fachdidaktikerin und Schulbuchautorin. An Diskussionen übers Englisch fehlt es an unserem Küchentisch nicht. Bezüglich unseres völlig hors catégorie wunderbaren Kindes sage ich nur, dass das Elternteil-sein mich vielleicht ein Stück vom fachtrotteligen Perfektionismus erlöst … manchmal kann ich auch, so wie ich schon bin, gut genug sein.

Kundenkommunikation
Übersetzen wird oft als Leistung gesehen, die man einfach bestellt und dann kommt das Ergebnis zurück und man setzt es kommentarlos ein und fertig. Als gäbe es von jedem Text quasi nur eine mögliche richtige Übersetzung und man keine zusätzlichen Informationen bräuchte, um sie auszuführen. So ist es aber nicht. Übersetzen lebt vom Verstehen, von Recherche und Abstimmung; nicht davon, dass man alles weiß, sondern davon, dass man alles herausfinden kann, oder auch davon, dass man sich zwischen mehreren Lösungsmöglichkeiten so rational wie möglich für bestimmte Lösungen entscheidet. Der Dialog mit den Klient:innen ist genauso entscheidend wie die „eigentliche“ Übersetzungsarbeit, oder besser: Er ist ein wesentlicher Teil der eigentlichen Übersetzungsarbeit.
Bloß können die Voraussetzungen für diesen Dialog schwierig sein. Definitionsgemäß erbringt ein:e Übersetzer:in eine Leistung, die die Klient:innen nicht selbst ausführen können und daher nicht (ganz) verstehen. Die Erwartung, dass man viel abstimmen wird müssen, ist oft nicht vorhanden. Übersetzer:inseitig muss auch eine Auswahl der Punkte getroffen werden, die einer Anmerkung oder einer Besprechung bedürfen. Die Möglichkeiten sind immer endlos und seien wir ehrlich, wir wären nicht Übersetzer:innen, wenn wir nicht detailbesessen wären – also müssen wir lernen, uns zurückzuhalten und zu priorisieren.
Natürlich musste ich da, zumal als Autodidakt, auch Dinge erklären, die ich anfangs selbst kaum artikulieren konnte. Davon, dass ich selbst etwas begreife, bis dorthin, dass ich’s als für eine:n Klient:in verständliche und beantwortbare Frage formuliere, ist auch ein Weg. Formulieren wir’s positiv: Ich bin in all dem über die Jahre sicher viel besser geworden. Und ich greife heute viel schneller zum Telefon, war jahrelang völlig unbegründet telefonscheu. Heute entwerfe ich oft e-mails aber rufe an, bevor ich sie losschicke – und schicke sie dann nicht mehr. Der Text dient nur als Agenda fürs Telefonat. Das organisierte Telefonieren verdanke ich auch ein bisschen Ingeborg Hofbauer von mutkompetenz.at.

Unterricht
Es kam die Pandemie und es kam wieder eine Flaute im Geschäft (bzw. ich war mit anderen Dingen zu beschäftigt) und es kam eine Einladung, die ich nicht ausschlagen konnte, mich für einen Lehrauftrag an der Fachhochschule zu bewerben. Ich sollte Studierenden der Softwarentwicklung etwas vermitteln, das ihnen bei der englischsprachigen technischen Dokumentation helfen kann. Da ich aber nicht sehr viel über technische Dokumentation wusste, habe ich mir vorgenommen, ihnen ein paar grundsätzlichen Dinge übers Schreiben im Englischen zu zeigen. Wir besprechen Dinge wie Leser:inneorientierung und Kohärenz und Satzbau und Informationsverteilung, und ich stelle viele Fragen zu ihrer Arbeit, bis sie darüber zu erzählen beginnen … und dank der hohen Englischkompetenz, die sie mitbringen, kommen die meisten von ihnen mit all dem ganz schön voran.
Im Gegensatz zu meinem früheren Englischtraining werden hier viele (Daumen-)regeln explizit besprochen. Aber ein wichtiges Element des Kurses sind auch Einzelgespräche, die im gegebenen Rahmen einem persönlichen Coaching möglichst nahekommen. Hier also eine Erweiterung meiner didaktischen Erfahrung in einem neuen Setting und zum ersten Mal mit der Notwendigkeit, viel Material selbst zu entwickeln – womit ich mich, ehrlich gesagt, ziemlich plage (aber es ist auch schwierig, Textbeispiele zu entwickeln, die nur ein bestimmtes Kohärenzmerkmal klar zeigen: das sollte ich mir lassen, ich nehme mir da Ambitioniertes vor). Nebenbei finde ich Softwareentwickler:innen als Spezies schon grundsätzlich sympathisch; ob mir das etwas sagen will? 🤔🤔🤔

Radfahrtraining
So, jetzt zur vorerst letzten Trainererfahrung, die uns in die Gegenwart bringt. Ich arbeite nun (Frühjahr 2024) in der zweiten Saison als Radfahrlehrer an Volksschulen in Graz. Wir fahren zu den Schulen und üben das Radfahren im Schulhof, und dann auf den umliegenden Straßen, im möglichst realistischen Verkehrsumfeld. Von der Interaktion mit den Kindern könnte ich jetzt einen eigenen Aufsatz schreiben; lassen wir’s hier dabei, dass das didaktisch eine enorm spannende und facettenreiche Sache ist. Was für mich aber eine große Entdeckung ist, ist die Arbeit mit den Kolleg:innen im Team. Erstens als Trainer:innenpaar, weil wir immer zu zweit unterwegs sind, und dann auch übergeordnet im Gesamtteam. Es gefällt mir unwahrscheinlich gut, einmal anstatt als einmaliger exotischer Spezialist zu arbeiten, eine unter einigen Personen in derselben Rolle zu sein. Fließende Rollenwechsel; sich gegenseitig ergänzen, ohne einander die Schau zu stehlen; improvisieren innerhalb eines gemeinsamen Stils, voneinander Gutes abschauen; gegenseitige Anerkennung; einander nach nicht so gut gelungenen Episoden auffangen. Unterschiedliche Fähigkeiten einbringen, Lokalwissen austauschen. Und die Kolleg:innen sind mit wenigen Ausnahmen viel jünger als ich.


Aus all diesen Erfahrungen können wir jetzt ein paar Schlüsse ziehen:

Was mich als Übersetzer besonders macht
Nicht viele Übersetzer:innen …
• haben einen Hintergrund als wirklich ausgereifte Forscher:innen in Naturwissenschaft oder Technik.
• haben sich so gründlich mit dem Sprachenpaar Deutsch und Englisch auseinandergesetzt.
• können so gut wie ich in Briefings die Hintergründe zu den Übersetzungen/Texten erfassen
• können Details, die Abstimmung benötigen, so verständlich erklären und so reibungslos abhandeln.

Was mich als Lektor/Redakteur besonders macht
Es gibt recht viele Naturwissenschafter:innen, die als Lektor:innen arbeiten. Aber nicht viele von ihnen …
• haben sich sprachlich so weitergebildet wie ich
• trauen sich, oder sehen es als Teil ihrer Aufgabe, mitdenkende, inhaltliche Fragen zu stellen
• können so gut erklären, was sie tun
• sind so geübt und in ihrer Herangehensweise so besonnen, dass sie wirklich helfen, Ihre Story und Ihre Stimme erkennbar zu machen
• können einen fließenden Übergang zwischen Lektorat und Coaching bieten

Was mich als Lehrer und Coach besonders macht
Wissenschaftliche Schreibcoaches gibt’s einige. Aber nicht viele von ihnen haben …
• meine Erfahrung mit Texten deutschsprachiger Autor:innen in Naturwissenschaft und Technik
• ihr Coaching auf Basis sprachwissenschaftlich fundierter Textanalyse (statt etwa gängiger Redaktionsfolklore) entwickelt
• meine vielseitige Erfahrung als Englischtrainer von Anfänger:innen-Niveau bis hin zu fortgeschrittenen Schreibkompetenzen
• den Schwerpunkt auf eine gründliche Auseinandersetzung mit der Kohärenz gelegt – bei genau den Themen, wo deutschsprachige Forscher:innen oft ein Kompetenzplateau erreichen und sich mit ihrer Weiterentwicklung über dieses Niveau hinaus schwer tun.